Joseph Nicolosi

Nach über 20 Jahren Ehe hat John Paulk seine Frau und seine drei Kinder verlassen und ist in ein homosexuelles Leben zurückgekehrt. Lange Jahre war er Sprecher für die Ex-Gay-Bewegung. Jetzt rät er auch anderen davon ab, Veränderung in ihrem Leben zu suchen.
John Paulk hat eine schwere Lebensgeschichte hinter sich. Bevor er Christ wurde, bevorzugte er Frauenkleider (cross-dressing), nahm Drogen und arbeitete als Prostituierter. Er trat öffentlich als Transgender-Person „Candi“ auf. Sein Leben spielte sich in den gesellschaftlich weniger angepassten Bereichen des Homosexuellenmilieus ab. Mit seinem Christwerden kam eine große Veränderung in sein Leben: Er heiratete Anne, eine früher lesbisch empfindende Frau und engagierte Christin mit einem traditionellen Verständnis von Familie und Sexualität. Gemeinsam bekamen sie drei Söhne, die jetzt Teenager sind. John Paulk bekam eine Schlüsselstellung bei Focus on the Family [eine Organisation, die sich für die Belange der Familie engagiert]. Er wurde zu einer bekannten Medienfigur, als er sich öffentlich für die heterosexuelle Ehe einsetzte, für ein natürliches Familienleben und ein biblisches Verständnis von Sexualität, wonach eine schwule Identität ein falsches Konstrukt ist und nicht Teil des menschlichen „Bauplans“. – Das alles ist jetzt zu Ende.
Als Reparativtherapeut, der Erfahrung mit Tausenden homosexuell empfindender Männer hat, die eine Veränderung ihrer homosexuellen Orientierung suchten, und zugleich als langjähriger Freund von John Paulk bin ich in einer besonderen Position, um über diese Entwicklung nachzudenken.
Zunächst: Johns Geschichte ist ein warnendes Beispiel im Hinblick auf berühmte und gefeierte Ex-Gays. Es birgt zwangsweise ein Risiko in sich, wenn die Ex-Gay-Bewegung auf einzelne öffentliche Sprecher baut.
Zweitens: In seiner aktuellen Stellungnahme rät John von Reparativtherapien ab. Er selbst hat aber nie eine Reparativtherapie oder andere professionelle Therapie gemacht. Seine Identitätsveränderung war Folge seiner Hinwendung zum christlichen Glauben.
In seiner Lebensgeschichte beschreibt John Paulk sich als einen Mann, der sich immer ungeliebt fühlte und immer auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit war. Ich möchte hier nicht über seine individuelle innere Entwicklung spekulieren. Ich möchte aber das psychologische Muster beschreiben, das ich bei anderen homosexuell empfindenden Männern beobachtet habe, die über ähnliche Gefühle wie John berichten.
Für viele Männer mit homosexuellen Empfindungen ist das Hauptproblem, mit dem sie ringen, nicht ihre sexuelle Identität, sondern ihre Kernidentität. Unter dem augenfälligen Problem ihrer mangelnden Vaterbindung liegt etwas Tieferes: ein Bruch in der primären Bindung an die Mutter. Auf der tiefsten Ebene geht es für sie nicht um die Frage der sexuellen Orientierung, sondern um etwas Grundlegenderes: um Identität überhaupt, um primäre Bindung und Zugehörigkeit. Unsicherheiten in Bezug auf die Geschlechtsidentität und das Sich-angezogen-fühlen von Männern sind nur Symptome an der Oberfläche. Genau das wollen die Medien aber nicht sehen und auch in den Debatten wird es von keiner Seite berücksichtigt.
In der Entwicklung der Identität dieser Menschen kommt es immer wieder zu einer aufregenden „Entdeckung meiner wahren Person“, gefolgt von Ernüchterung, und dann wieder zu einer neuen „wirklichen Entdeckung meiner wahren Person“ mit erneuter Ernüchterung. Am Grund ihrer verzweifelten Suche nach Identität steht ein qualvolles Greifenwollen nach einem stabilen Selbst, eine tiefe innere Leere und darunter Selbsthass.
Der Selbsthass äußert sich oft darin, dass die betroffenen Menschen sämtliche früheren Aspekte ihres Lebens dekonstruieren und verurteilen. Auch den Einfluss der Personen, die ihnen am nächsten stehen, verurteilen sie.
Drastische Veränderungen in der „Entdeckung meiner wahren Person“ sind bei einigen mit einer Borderline-Störung, einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung oder einer Geschlechtsidentitätsverwirrung verbunden. Die geschlechtliche Identität baut ja auf dem Boden der Entwicklung der Kernidentität (Selbstidentität) auf und eine brüchige Kernidentität stellt ein besonderes Risiko für die Entwicklung einer stabilen Geschlechtsidentität dar.
Die Ruhelosigkeit, die diese Menschen empfinden, zeigt sich in einem Zustand von chronischer Unzufriedenheit, in der narzisstischen Erwartung, „wenn die anderen mich wirklich lieben würden, würden sie diesen Schmerz von mir nehmen; sie (oder das, wofür sie stehen) sind zuständig für meinen Schmerz“. Da die anderen diese Erwartung nicht erfüllen können, fühlen sich die Betroffenen betrogen. Sie empfinden es als Betrug, wenn andere ihnen ihre tiefe innere Leere nicht füllen können und entwickeln möglicherweise Wut gegen sie.
Die inneren Schmerzen bei ihrer Suche nach Identität und das Bedürfnis, vor der Gewöhnlichkeit des Lebens zu fliehen, können durch Selbstbespiegelung vorübergehend gedämpft werden. So kann die narzisstische Aufwertung dadurch, dass jemand eine „berühmte Person“ ist, wie ein Rauschmittel oder Schmerzmittel wirken.
Die immer folgenden Ernüchterungen haben verheerende Auswirkungen auf diejenigen, die viel in die betroffenen Personen investiert haben. Bei John Paulk sind das seine Frau, die 20 Jahre mit ihm verheiratet war, seine drei Söhne im Teenager-Alter, sein früherer Arbeitgeber Focus on the Family, bei dem John ein Vorbild für Christen war, die gemäß einer bibelorientierten Sicht von ganzheitlicher Sexualität leben möchten, und nicht zuletzt gilt das für all diejenigen jungen Menschen, für die Johns Leben ein Beispiel war.
John Paulk und seine Unterstützer in der Schwulen-Community möchten die neueste Kehrtwendung in Johns Leben als Beweis dafür verstanden wissen, dass Menschen mit homosexuellen Gefühlen einfach so geschaffen und für die Homosexualität geboren sind. Wir würden aber einer Täuschung aufsitzen, wenn wir diesem allzu vereinfachenden Denkmuster glauben würden.
Wenn die Kernidentität das wesentliche Problem ist, müssen wir von einem Bruch in der primären Bindung an die Mutter ausgehen. Aus meiner therapeutischen Erfahrung kenne ich einen Kliententyp, der zwar mit einem homosexuellen Lebensstil zutiefst unzufrieden ist und es auch schafft, gut heterosexuell zu leben – dennoch fällt es ihm mit der Zeit sehr schwer, die Selbstdisziplin und die Reife aufzubringen, die es braucht, um einen harten Arbeitstag zu bewältigen, abends zu Frau und Kindern nach Hause zu gehen, den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, Abend zu essen, sich auf ein gutes Gespräch mit seiner Frau einzulassen und dann schlafen zu gehen. Dieses Tag für Tag in geliebte Menschen investieren scheint zu sehr einzuengen: Es ist langweilig, glanzlos, unspektakulär, „es reicht einfach nicht“. Unter der Langeweile und der Unruhe steckt eine tiefe, chronische Unzufriedenheit.
Der Betroffene möchte nicht einfach nur einen Partner des anderen Geschlechts finden. Es geht ihm darum, Aufmerksamkeit für sich bekommen, es geht um Flirten, andere sollen ihm das Gefühl vermitteln, jemand Besonderes zu sein. Auf Partys und durch andere stimulierende Aktivitäten, wie sie die homosexuelle Community auf ihren Partys mit hohem Drogenkonsum bietet, möchte er sich von seiner chronischen Unzufriedenheit ablenken. Ich vermute, John Paulk suchte nach „etwas Aufregendem“, als er vor vielen Jahren die Schwulenbar in Washington D.C. besuchte, nachdem er auf einer Love Won Out-Konferenz gesprochen hatte. Damals arbeitete er für Focus on the Family und brachte die Organisation in Erklärungsnot über sein Verhalten. Ich glaube nicht, dass John Paulk auf der Suche nach Sex war. Vermutlich fand er aber die Gemeinschaft der Christen und deren Erwartungen an ihn einfach langweilig. Er suchte Ablenkung, einen Flirt, Abenteuer und – ein beliebtes Wort in der Schwulenpolitik – „Entgrenzung“.
So haben wir viele Gesichter von John Paulk gesehen: im Transgender-Lebensstil und als Prostituierter „Candi“, das Aushängeschild der Ex-Gay-Bewegung und jetzt der homosexuell lebende Mann.
Doch ist John Paulk wirklich davon überzeugt, dass er Liebe und Glück finden wird, indem er seine Frau und seine drei Söhne verlässt? Er sagt, er habe sich nie in seinem Leben geliebt gefühlt. Aber ich vermute, dass niemand ihn jemals mehr geliebt hat als seine Ehefrau Anne.

Mit Erlaubnis des Autors leicht gekürzt und ins Deutsche übertragen.
Juli 2013 © DIJG

Quelle
Der Text ist eine leicht gekürzte Fassung von My Old Friend, John Paulk. Dort sind auch drei Bilder von John Paulk zu sehen:

Bild 1: John Paulk im blauen Kleid rechts als „Candi“ im Transgender-Lebensstil
Bild 2: John Paulk, ein verheirateter Mann in einem heterosexuellen Lebensstil
Bild 3: John Paulk heute in einem homosexuellen Lebensstil

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