„Der Fall Jegge ist ein Fall Schweiz“, titelte der Tagesanzeiger am 21.04.17 und läutet damit die Aufarbeitung der Pädophilenbewegung in der Schweiz ein. Das ist gut und wichtig für die Opfer.

Zwei Dinge möchte ich dazu sagen:

Erstens: Damals protestierten gegen die allgemeine liberale Haltung meist nur die Freikirchen. Sie wurde dann auch geflissentlich als ewiggestrig belächelt und mit ihrer Meinung als „verknorzt“ und verklemmt dargestellt. Besonders gern von linken Schreiberlingen.

Zweitens: Hier sei zunächst gesagt, dass ich vielem in diesem Artikel vom Tagi zustimme. Ganz grundsätzlich auch, dass wir diese Geschichte aufarbeiten müssen. Ja, Jegge war bei weiten nicht der Einzige. Es war in gewissen Kreisen eine Haltung zu den Kindern und zur Sexualität, deren Nachläufer z.T. immer noch pädagogischen Einfluss haben (z.B. Uwe Sielert). Im Buch „Sexualpädagogik der Vielfalt, Stefan Zimmermanns und Elisabeth Tuider“ steht im Vorwort, dass das „Vorgängerbuch“ von Sielert ein Klassiker der Sexualpädagogik sei. Hier muss kritisch hingeschaut werden – unabdingbar!

Im Artikel vom Tagi möchte ich aber nur auf einen Abschnitt vertiefter eingehen. Der Autor schreibt ganz typisch, wie mir scheint:

„Diskriminierung der Homosexuellen

Damit wurden sexuelle Kontakte zwischen nahezu Gleichaltrigen legalisiert: die sogenannte Jugendliebe, die bis dahin justiziabel war und zu zahlreichen Verurteilungen geführt hatte, wenn einer der beiden Partner nur knapp unter 16 war. Erst seit der Annahme dieses Sexualstrafrechts sind sexuelle Kontakte mit Jugendlichen legal, wenn der Altersunterschied nicht mehr als drei Jahre beträgt. Davor machten sich sogar die Eltern strafbar, die ihre Kinder gewähren liessen oder etwa ihrer Tochter die Antibabypille zugänglich machten.

Für die Schwulen war die Diskussion um das neue Sexualstrafrecht nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil sie in dieser Hinsicht noch bis 1992 diskriminiert wurden: Galt für Heterosexuelle seit 1942 ein Schutzalter von 16, war es für die Homosexuellen auf 20 Jahre festgelegt. Es war dieser Missstand, der dazu führte, dass die Schwulen und die Pädosexuellen gemeinsam kämpften, wobei die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft Pädophilie ganz entschieden für eine Senkung des Schutzalters auf 14 Jahre eintrat, was «vom sexualwissenschaftlichen Standpunkt her ein Minimum» darstelle.“

Der Autor sagt: Die Homosexuellen hätten sich damals nur mit der Pädophilenbewegung zusammengetan, um die schwule Jugendliebe zu legalisieren. Die Homosexuellen hätten eigentlich nur eine Ungerechtigkeit gegenüber der heterosexuellen Jugendliebe bekämpfen wollen. Und da hätten sie sich halt mit den Pädophilen zusammengetan, um gemeinsam mehr Stimmengewicht zu bekommen.

Ist diese Behauptung wahr?

Haben die Schwulen und die Pädophilen sonst nichts miteinander zu tun gehabt? Mir liegt das Buch „Der pädosexuelle Komplex“ von Angelo Leopardi vom Foerster-Verlag, Düsseldorf 1988 vor. Volker Beck (er gilt in Deutschland als Vater des Partnerschaftsgesetzes und ist ein grosser politischer Kämpfer für die Schwulenbewegung mit vielen Vorstössen im Deutschen Bundestag) wird hier als Mitautor mehrmals hervorgehoben. Beck schrieb als Jurist unter dem Titel „Das Strafrecht ändern“: „Allein ein Mobilisierung der Schwulenbewegung für die rechtlich gesehen im Gegensatz zur Pädosexualität völlig unproblematische Gleichstellung von Homo- und Heterosexualität durch die Streichung des § 175 StGB und für die Recht der Homosexuellen wird das Zementieren eines sexualrepressiven Klimas verhindern können – eine Voraussetzung, um eines Tages den Kampf für die zumindest teilweise Entkriminalisierung der Pädosexualität aufnehmen zu können.“ (Der Schlusssatz seines Artikels, Seite 268).

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Damit sieht Volker Beck den rechtlichen Kampf der Schwulenbewegung geradezu als aktiver Vorkämpfer und Vorreiterrolle für „die zumindest teilweise Entkriminalisierung der Pädosexualität“. Auf Seite 266 sagt er es noch deutlicher: „Eine Entkriminalisierung der Pädosexualität ist angesichts des jetzigen Zustandes ihrer globalen Kriminalisierung dringend erforderlich…“

Wie im Artikel vom Tagi hat sich auch Volker Beck im Nachhinein reflexartig und vehement gegen die Vermengung der Schwulen- und Pädophilenbewegung eingesetzt. Hier scheint ein Verleugnungs- oder Verdrängungsreflex einzusetzen. Wie Beck damals gegen diese Vermengung gekämpft hat, fasst ein Artikel von Medrum vom 20.09.2013  zusammen:

„Pädophilie-Debatte: Volker Becks Täuschungsversuch ist entlarvt

Becks Textentwurf für das Buch „Der pädosexuelle Komplex“ aufgetaucht – Textvergleich zeigt:  Keine Verfälschung! Inhalt des Textes des prominenten Grünenpolitikers ist identisch mit Buchtext

(MEDRUM) Medienberichten zufolge hat Volker Beck die Öffentlichkeit über einen früheren Buchbeitrag zur Entkriminalisierung des sexuellen Kindesmissbrauchs getäuscht.  Das geht aus einer Meldung von Spiegel-Online hervor. Wie der Vergleich von Volker Becks Textentwurf mit dem veröffentlichten Buchtext zeigt, wurden die Textinhalte nicht verfälscht, sondern sind identisch. Darüber kann der Spitzenpolitiker und parlamentarische Geschäftsführer der Grünen die Öffentlichkeit jetzt nicht mehr hinwegtäuschen.

 

Volker Beck – Ehrlich, Offen, Grün???

Streit um Volker Beck’s Beitrag in „Der pädosexuelle Komplex“

In der Meldung von Spiegel-Online geht es um einen höchst umstrittenen Beitrag, der unter dem Namen von Volker Beck im Buch „Der Pädosexuelle Komplex“ 1988 erschien (Förster Verlag). MEDRUM hatte über diesen Beitrag unter der Überschrift Vom Entkriminalisierer zum Chefankläger des Mißbrauchs? und die Entwicklungen in den 1980er Jahren berichtet, insbesondere:

„Auch einer ihrer prominentesten Vertreter, Volker Beck, ist damals für die Entkriminalisierung sexueller Handlungen eingetreten, wie dem Buch „Der pädosexuelle Komplex“ von Angelo Leopardi entnommen werden kann, das 1988 erschien. Darin stellt der Autor Volker Beck in einem Aufsatz „Das Strafrecht ändern?: Plädoyer für eine realistische Neuorientierung der Sexualpolitik“, fest, der ehemals eingesetzte Sonderausschuss des Bundestages habe sich bei der Vorbereitung des 4. Strafrechtserneuerungsgesetzes 1973 wider besseres Sachverständigenwissen für generelle Strafbarkeit der Sexualität mit Kindern entschieden. Beck sah jedoch Ansatzpunkte, um eine „Verbesserung der rechtlichen Situation der Pädophilen“ zu erreichen. „Als Perspektive wäre hier z.B. eine Novellierung ins Auge zu fassen, die einerseits das jetzige „Schutzalter“ von 14 Jahren zur Disposition stellt (in den Niederlanden gab es solche Initiativen mit erheblichem Erfolg!) oder auch eine Strafabsehensklausel“, schrieb Beck. Allerdings waren seine Hoffnungen begrenzt. So hielt er es für naiv, durch „noch so starken öffentlichen Druck eine Mehrheit für die Streichung des Sexualstrafrechts im Parlament zu erhalten“ und merkte an, wer für die Lebens- und Rechtssituation der pädophilen Menschen etwas erreichen wolle, müsse dazu eine „Diskussion zur Aufklärung und Entmythologisierung“ vorbereiten.“

Becks Behauptung: Mein Beitrag wurde verfälscht

Beck hatte sich zwischenzeitlich wiederholt von diesem Aufsatz distanziert. So stellte er während einer Bundestagsdebatte als Reaktion auf eine Rede von Erika Steinbach (CDU) fest, der im Buch veröffentlichte Beitrag sei von ihm nicht autorisiert gewesen. Der Abgeordnete der Grünen behauptete insbesondere, sein Beitrag sei vom Herausgeber verfälscht worden. Beck war jedoch eine Antwort schuldig geblieben, wie sein Originalbeitrag lautete, und welche Textstellen angeblich verfälscht worden sind. Da der von Beck verfasste Text bisher nicht verfügbar war, konnte sein Text mit dem im Buch veröffentlichten Text nicht verglichen werden. Eventuelle Textunterschiede konnten deshalb bislang nicht belegt werden.

Öffentlichkeit Jahre lang hinters Licht geführt

Die Situation hat sich jetzt grundlegend geändert. Recherchen des SPIEGEL bringen Licht in das Dunkel. Spiegel-Online widerlegt, was Beck bislang behauptete und stellt dazu fest: „SPIEGEL-Recherchen im Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung belegen, dass ein Manuskript aus dem Schwulenreferat der grünen Bundestagsfraktion, dessen Referent Beck war, nahezu identisch ist (Fettdruck durch MEDRUM) mit einem Gastbeitrag Becks für das Buch „Der pädosexuelle Komplex“. Der Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, Volker Beck, habe „die Öffentlichkeit jahrelang hinters Licht geführt“, stellt die Online-Ausgabe des Magazins wörtlich fest.

Ein Vergleich von Volker Becks Beitrag zeigt, dass sein Text keineswegs verfälscht wurde. Im Buch wurden lediglich zwei längliche Überschriften des Becktextes kürzer und prägnanter gefasst. Inhaltliche Änderungen am Text selbst oder gar Sinnverfälschungen wurden jedoch keine vorgenommen. Deshalb ist es völlig gerechtfertigt, wenn Spiegel-Online Beck vorwirft, die Öffentlichkeit getäuscht zu haben.

Volker Becks Strategie zur Entkriminalisierung des sexuellen Kindesmissbrauchs

Es ist unbestreitbar, dass Beck – trotz aller jetzt in sich zusammengebrochenen Behauptungen, sein damaliger Text sei verfälscht worden, eine Entkriminalisierung des Kindesmissbrauchs anstrebte und dazu strategische Überlegungen anstellte.

Beck warf in seinem Beitrag dem Sonderausschuss des Deutschen Bundestages vor, dass dieser sich für die generelle Strafbarkeit von sexuellen Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern aussprach. Beck dazu: „… hat der Sonderausschuß … sich wieder besseres Sachverständigenwissen für eine generelle Strafbarkeit der Sexualität mit Kindern entschieden.“ Und weiter schrieb er in seinem Beitrag für den pädosexuellen Komplex:

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Verschleierung auch mit Hilfe juristischer Mittel

Um das zu verschleiern, was Beck tatsächlich damals vertrat, griff der Politiker der Grünen auch zu  juristischen Mitteln. Wie medienbekannt wurde, verpflichtete sich der Landesverband Bayern der Jungen Union (JU) gegenüber Beck am 29. Mai 2013 außergerichtlich, seinen Beitrag „Das Strafrecht ändern?“ nicht mehr zu verbreiten, „ohne darauf hinzuweisen, dass der damalige Abdruck nicht autorisiert war und im Sinn durch eine freie Redigierung des Herausgebers verfälscht wurde”. Wer die jetzt ans Tageslicht geratenen Textstellen vergleicht, weiß, dass an Volker Becks Text weder eine freie Redigierung durch den Herausgeber stattgefunden hat, noch deren Sinn in irgendeiner Form verfälscht wurde.

Demagogische Dreistigkeit

Verfälschende Behauptungen wurden nur von Volker Beck selbst aufgestellt. Das ist jetzt erwiesen. Volker Becks Reaktion nach der Entlarvung seiner Täuschung, er sei froh, dass das Typoskript jetzt aufgetaucht sei, weil es belege, dass sein Text verändert worden sei, kann als geradezu demagogische Dreistigkeit eingestuft werden, die für einen Bundestagsabgeordneten und seine Fraktion als Schande angesehen werden kann.“

 

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