Einer der intelligentesten Texte von Seiten des Tagis – der bis dato selber gerne und heftig mitgehetzt hat – zum Thema Homosexualität.

„Die Diffamierung von Andersdenkenden in den USA ist nicht mehr nur eine Sache von Extremisten und Fundamentalisten. Zunehmend muss die politische Toleranz nun auch in liberalen Inseln des Landes einer Doktrin des Anpassens und Einordnens weichen.

Wie scharf die Hatz auf Andersdenkende unter dem Mantel der politischen Korrektheit geworden ist, musste Brendan Eich in diesen Tagen erfahren. Der Erfinder der Javascript-Programmiersprache musste unter dem Druck von Aktivisten der Schwulenbewegung seinen Rücktritt als Chef von Mozilla einreichen. Den Anlass lieferte eine sechs Jahre zurückliegende Spende von 1000 Dollar, mit der Eich eine Initiative zur Legalisierung der Schwulenehe in Kalifornien bekämpft hatte. Die Initiative wurde abgelehnt; Eich lag somit auf der Linie der Mehrheit. Zwar hatte er sich nach Bekanntwerden der Spende wiederholt entschuldigt. Und er tolerierte in seinem Unternehmen keinerlei Repressalien gegen Schwule und Lesben. Aber er weigerte sich, seine politische Meinung zur Frage der Schwulenehe zu ändern. Das wurde ihm zum Verhängnis. Wäre er zu Kreuze gekrochen, wie es so viele andere Manager und Politiker heute tun, wenn es heiss wird, so hätte er seine Chefposition mit grosser Wahrscheinlichkeit behalten.

Der Vorfall ist in doppelter Hinsicht bedenklich. Es ist das erste Mal, dass ein angesehener und integrer Unternehmer im sich als liberal und weltoffen verstehenden Silicon Valley zur Strecke gebracht wird, weil er sich der politischen Korrektheit verweigert. Es gab zwar andere Fälle, in denen Unternehmen unter Druck geraten waren. So etwa musste sich die Warenhauskette Target für eine Spende von 150’000 Dollar für einen Antigaykandidaten in Minnesota entschuldigen; und auch die Fast-Food-Kette Chick-fil-A kassierte wegen der religiös konservativen Ansichten ihres Chefs Boykottdrohungen schwuler Aktivisten. Doch mit dem Fall Eich ist eine neue Dimension erreicht. Die erzwungene Demission sei das Resultat einer abstossenden Hatz, kritisiert Andrew Sullivan, einer der einflussreichsten Aktivisten für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben. Sullivan wirft in seinem weitherum beachteten Blog den eigenen Leuten vor, der Sache zu schaden. «Wenn dies die Homosexuellenbewegung von heute ist – unsere Gegner mit einem Fanatismus zu jagen, der sich in nichts von der religiösen Rechten unterscheidet –, dann zählt mich nicht mehr dazu.» Sullivan befürchtet angesichts der hart erkämpften politischen Erfolge der letzten Jahre nicht zu Unrecht, dass sich der Sturz des Mozilla-Chefs noch rächen wird. «Unglaublich stupid», lautet sein Fazit.

Munition für die Intoleranten

Stupid erscheint das Vorgehen aus einem weiteren Grund. Der Grossraum San Francisco und seine Unternehmen waren und sind wichtige Verbündete bei der Durchsetzung der rechtlichen Gleichstellung. Facebook, Apple und Google fördern Schwule und Lesben aktiv und tun dies, um junge, talentierte Mitarbeiter zu gewinnen und erfahrene Leute zu behalten. Wenn nun einer der Besten im Silicon Valley geächtet wird, so spielen die Aktivisten in die Hände jener politischen Kräfte, die der Schwulengleichstellung seit je ablehnend gegenüberstehen. Nichts leichter, als das Anliegen mit Verweis auf das peinliche Schauspiel lächerlich zu machen. Schwerreiche Rechtsradikale wie die Koch-Brüder oder der Casinomogul Adelson rekrutieren ihre Anhänger und Kandidaten mit der reaktionären Rhetorik, unter der Schwule lange genug gelitten haben. Mit dem jüngsten Entscheid des Obersten Gerichtshofs, die Limiten für Wahlspenden aufzuheben, erhält diese oft intolerante Rechte mehr Munition als je zuvor.

Viele Aktivisten sehen die Schwulenrechte heute bereits als unverrückbare Ecksteine der Gesellschaft. Die Erfahrung mit den Gesetzen gegen die Rassendiskriminierung aber lehrt, dass solche Errungenschaften über Jahrzehnte erstritten werden mussten, bevor sie sich verfestigten. Der Fall Eich könnte sich für die Aktivisten als Schuss ins eigene Knie erweisen.“

aus: http://www.tagesanzeiger.ch/hintergrund-und-analyse/Diese-politische-Hatz-wird-sich-raechen/story/18471556

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