Der keusche Mann
Von Marie Dové (Clack). Aktualisiert am 16.05.13
Hände weg! Immer mehr junge Männer entsagen der Masturbation. Nicht aus christlichen Gründen, sondern weil der Verzicht aufs Onanieren sie erst richtig männlich mache. Sollen sich Frauen darüber freuen?

«Benutze eine Meditationsatmung, wenn erforderlich»: Komiker und Aushängeschild der Antimasturbisten Greg Barris.

Im Community-Forum «No Fap» kann man Männer auf der Jagd nach Rekorden beobachten. Der eine tuts schon seit 40 Tagen nicht mehr. Der andere schaffte es bis Tag 53. Und ein dritter triumphiert: Seit 90 Tagen! Seit 90 Tagen bereits habe er nicht mehr masturbiert.

Ausgerechnet im Internet, bekanntlich überschwemmt von Pornografischem, Sündigem und Unanständigem, formiert sich so etwas wie die Bewegung der männlichen Enthaltsamkeit. Doch, Vorsicht! Hier geht es nicht um bibelgläubige Triebverleugnung oder neokonservative lebensferne Werte. Den No Fappers geht es vielmehr darum, angeblich männlicher zu werden durch den Verzicht auf Masturbation. Erst wer die Abstumpfung des Masturbators überwindet, steht wirklich voll im Saft, so die Logik der Abstinenz-Ökonomie. (Lesen Sie auch: «Die Pornografinnen»)

Selbstverständlich stösst solch ein Thema auf entsprechendes mediales Interesse, und das «New York Magazine», das den Selbstbefriedigungsabstinenzlern einen grossen Bericht widmet, will den Initianten der Bewegung gefunden haben. Alexander Rhodes, ein damals 23 Jahre junger Student und Schauspieler aus Pittsburgh, beschloss im Sommer 2011, dass er die nächste Woche nicht Hand an sich legen würde. Er schwor also der Masturbation ab – und der Internetpornografie.

Wertvolles Ejakulat

Es war, so gibt Rhodes gegenüber dem «New York Magazine» Auskunft, die Wissenschaft, die ihn zu diesem Schritt bewegt hatte. Er hatte nämlich eine Studie aus der Volksrepublik China gelesen, in der stand, dass der Testosteronspiegel bei Männern, die nicht ejakulieren, nach sieben Tagen seinen Höhepunkt erreicht. Das wollte er ausprobieren. Rhodes startete das erwähnte Internetforum und nannte es «No Fap»; «fap» ist unter amerikanischen Computerkids die onomatopoetische Bezeichnung für den Masturbationsvorgang.

Am Anfang schauten bei Rhodes 20’000 Besucher pro Monat rein. Mittlerweile seien es 400’000, schreibt das Internetmagazin «Nerve». Viele Besucher sind viel strikter als Rhodes selbst. Die Bewegung hat ihren Gründer überholt.

Immer wieder ist zu lesen, dass Selbstbefriedigung und Internetpornografie eben nicht dasselbe seien wie Sex, dass Einsamkeit, krankhafte Schüchternheit, Depressionen und Beziehungsunfähigkeit die Folgen masturbatorischen Tuns seien. Und dies alles kuriert werden könne, wenn Mann nicht mehr selbst Hand an sich lege – ein User des «No Fap»-Forums meint gar, dank seiner Pornografieabstinenz habe er zum ersten Mal bewusst die Vögel singen hören.

Es freut sich die Frau

Die «No Fap»-Bewegung erfreut sich mittlerweile eines prominenten Unterstützers. Der in den USA bekannte Komiker Greg Barris bekennt sich seit August 2012 öffentlich zum Verzicht auf Selbstbefriedigung und hat das Forum zusätzlich popularisiert.

Und was sagen eigentlich die Frauen dazu?

Auch das ist im Internet nachzulesen. Eine gläubige Christin bedankt sich in einem langen Blog-Eintrag dafür, dass die Leute von «No Fap» ihren Freund von seiner Pornosucht geheilt hätten. Eine andere Frau freut sich schlicht, dass sie ihren Freund nicht mehr mit dem Computer teilen muss, sondern nunmehr seine ungeteilte sexuelle Aufmerksamkeit geniesst. (Lesen Sie auch: «Die Orgasmus-Verantwortung»)

Internetpornografie als Onanierakete

Natürlich sind Antimasturbationsbewegungen nichts Neues. Das Auftreten der No Fappers als Internetphänomen entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie. Denn gerade das Internet mit der digitalen Verbreitung von Pornografie hat, so argumentieren zumindest Experten, die Masturbation ungemein befördert.

Zwar kann niemand wissen, wie oft ein Höhlenmensch Hand an sich selbst anlegte, jedoch geht beispielsweise der amerikanische Sexualexperte Ian Kerner davon aus, dass heutzutage Männer 50 bis 500 Prozent öfter masturbieren als in den Zeiten vor der Internetpornografie; und diese Zeiten sind bekanntlich gar nicht so lange her. (Lesen Sie auch: «Sex ist gesund»)

So wird es wohl nicht schaden, wenn ein paar Männer in Zukunft weniger onanieren. Übrigens: Es gibt auch deutsche Ableger der «No Fap»-Bewegung, die sich gegen Internetpornografie und Selbstbefriedigung wenden. Einer nennt sich etwas umständlich «Einfach nicht die Palme wedeln» und gibt auf der Einstiegsseite allen Antimasturbationsanfängern einen Tipp: «Benutze eine Meditationsatmung, wenn erforderlich.» Das helfe, drohe das Fleisch schwach zu werden.

http://tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Der-keusche-Mann/story/1701824

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